Objekte: Büsten, Figuren, Masken

Maprik

Seit der Surrealismus der 20er- und 30er- Jahre des vergangenen Jahrhunderts den akademisch-bürgerlichen Realitätsbegriff und seine bildliche Darstellung verwirrt hat – seit „die Pop-Art die Grenzen zwischen hoher und trivialer Kunst eingerissen hat, und seit der späte Dali hemmungslos nach den Mitteln des Kitschs griff“ (Peter Bürger), wandelte sich unser Kunstverständnis wesentlich – es wurde sozusagen global – und dies sowohl im geografischen, als auch im kulturellen Sinn.

Obwohl dieser Wandlungsprozeß andauert und möglicherweise erst jetzt in die Breite zu wirken beginnt, sind doch schon viele Menschen fähig, sich für Arbeiten zu interessieren, die ihre Entstehung nicht einem modisch-ästhetischen oder inhaltlichen Kalkül des Alltagsbewußtseins verdanken, sondern Ausdruck von Begegnungen und Berührungen mit und durch andersartige Dimensionen sind. Als typisches Beispiel dafür gilt die Welt des Schamanismus mit seinen mehrschichtigen Ebenen, zu denen Magie, Mythos und Mystik gehören. Doch ist ebenso an Dubuffets Art Brut zu denken – Kunst von Autodidakten, deren Werke aus dem eigenen Innern gestaltet sind und nicht nach den Klischees klassischer oder aktueller Stilrichtungen.

Sollte man versucht sein, das hier vorgestellte Oeuvre als „Exotismus“ zu qualifizieren, so wäre damit höchstens ein weiterer „–ismus“ gewonnen, ohne ihm gerecht zu werden. Auffällig hingegen scheint die Verwandtschaft zur literarischen Gattung der „Ethno-Poesie“ zu sein, nun im Bild- und Körperhaften auftretend, mit ähnlichen Motiven aus dem schier unerschöpflichen Reservoir einer kreativen Fantasie…

Da die Fülle des Materials Beschränkung erfordert, werden im folgenden einige Einzelbetrachtungen angestellt, nach „Prototypen“ geordnet.

Büsten – Torsi – über und über mit Schmuckelementen bedeckt – eine perlbestickte Federmaske, und über dem Pelzgürtel der Taille thront ein winziger Pfau: Repräsentant des Solarplexus?

Nicht zu übersehen sind die Tierschädel mit Hörnern (Bukranien) – in Naturgröße und in Miniformat – doch nicht abstrahiert wie Picassos „Ochsenschädel“: Wären da keine Glasaugen mit unheimlich starrem Blick – man sähe sie so an den Totempfählen der Indianer.

Figuren – darunter Kachinas? – Statuetten, Idole mit Amulett- oder Talisman-Charakter, also beschützend oder herbeiwünschend – manchmal niedlich, immer ausdrucksvoll und oft entzückend… wie die gekrönte Tänzerin, federleicht – mit schwerem Silberfuß.

Eine Maskotte trägt ein Anden-Diadem auf ihrem krausen, roten Lockenkopf,und ihre Brust ist ein vergoldetes Gesäuge – Heilige oder Hexe, wie es das provenzalische „masca“ nahelegt? Dann sind da die „Agavenköpfe“ – oder nennen wir sie lieber „Ananas-Figuren“? – von denen manche auf den ersten Blick den „Hack-Skulpturen“ John Chamberlains ähneln, bei ihm die perfekte Transformation des Plastischen ins Chaotische – hier aber vielleicht Symbole von Adoranten – von Betenden, die um Hilfe rufen… Auch Maskenschilder, Altarsockel und –konsolen mit „Götzenbildern“ zahlreicher Varianten: „Manifestationen von Außerirdischen? Oder handelt es sich eher um einen Kult für Aliens?“ könnten wir zu scherzen belieben.

Heiter hingegen, oft erheiternd ist das bunte Völkchen der Federwische – als Fetische zu Zauberzwecken hergestellt – und sie haben tatsächlich eine Ausstrahlung, die bezaubern kann. Erinnerungen an Elfen und andere Elementargeister aus den Märchen unserer Kindheit…

Den unmittelbarsten Zugang finden wir zu Masken: Durch die Fastnacht seit je vertraut – man kann sich hinter ihnen verstecken oder eine gewünschte Rolle spielen – treffen wir hier Gestaltungen an, wie sie Naturvölkern und alten Kulturen zu eigen sind – häufig mit Gottheiten, Ahnengeistern, Heroen oder Dämonen identifiziert, die dem Träger deren Kraft verleihen… und, mit Verlaub, deren Schönheit. Sie stellen jedenfalls Symbole dar, die unsere Alltagswelt transzendieren- und Symbole sind wohl „die einzige universale Sprache“ (Erich Fromm).

© E. Sturm Basel, den 18.01.2006